Elena Saranina

Elena Saranina

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Miusskaja pl. 6
125993 Moskau
Russland

 

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Projekt

Die Ästhetisierung der Sowjetunion bei Lion Feuchtwanger

Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde des Schriftstellers Lion Feuchtwanger ist eine direkte Folge seiner Reise in die Sowjetunion in den 1930er Jahren, als das soziale Experiment des Aufbaus des Kommunismus weltweit großes Interesse erregte – und neben Feuchtwanger auch andere Intellektuelle in die UdSSR lockte, um alles mit eigenen Augen zu sehen. Nicht alle aber wollten das Gesehene akzeptieren, obwohl die Ideen des Sozialismus auch ihre Verfechter im Westen hatten. Viele, die im Grunde als «Freunde der UdSSR» galten, wurden von der Gewaltsamkeit des Regimes enttäuscht und waren über den Personenkult um Stalin, vor allem aber über die politischen Prozesse in Moskau entrüstet. Lion Feuchtwanger ist einer der wenigen, der seine Begeisterung über die UdSSR dennoch öffentlich vertreten hat, weshalb sein „Reisebericht“ – bis heute – Verwirrung und Empörung unter den Leser*innen und Forscher*innen verursacht.

Feuchtwanger sah in der Sowjetunion ein „Reich der Vernunft“, weshalb er es als seine aufklärerische Aufgabe betrachtete, positiv über die UdSSR zu schreiben. Dazu, so eine der Thesen des Projekts, greift Feuchtwanger in Moskau 1937 zur Ästhetisierung der UdSSR. Die Analyse konzentriert sich daher darauf, die spezifischen Mittel der Ästhetisierung bei Feuchtwanger herauszuarbeiten. Dies gilt insbesondere für die Darstellung des zweiten Moskauer Schauprozesses, an dem Feuchtwanger als Zuschauer teilnahm und der in Moskau 1937 zum Höhepunkt des Textes wurde. Aspekte des kulturellen Transfers und Kontakts bilden für die Analyse des Reiseberichts eines deutschsprachigen Autors für ein ebensolches Publikum über die Sowjetunion einen zentralen Bezugspunkt.

Die Relevanz des Projekts möchte ich in Bezug auf mehrere Forschungsbereiche formulieren: die Schrift von Lion Feuchtwanger verursacht bis heute heftige Diskussionen unter den Wissenschaftler*innen, da der Autor gerade im Jahr des Großen Terrors ein lobendes Buch über die UdSSR veröffentlichte. Die Lesart des Textes ist dabei oftmals eine primär politische, welche die Literarizität des Textes kaum berücksichtigt. Im Rahmen dieser Arbeit soll Feuchtwangers Moskau 1937 hingegen literaturwissenschaftlich betrachtet und einer philologischen Textanalyse unterzogen werden. Das Ziel besteht nicht darin, ‚die historische Wahrheit‘ zu ermitteln, sondern die literarischen und ästhetischen Besonderheiten des Textes zu identifizieren: Welche narrative Strategien setzt Feuchtwanger ein? Welche Darstellungsmittel liegen der Textproduktion allgemein zugrunde? In welchem Verhältnis steht der Text zu anderen Schriften Feuchtwangers sowie weiteren zeitgenössischen Autoren? Hier ist an erster Stelle die Polemik zwischen Feuchtwanger und André Gide zu nennen, dessen Text Zurück aus Sowjetrussland  als Referenzpunkt für den Reisebericht Feuchtwangers gelten kann. Bei der vergleichenden Analyse beider Texte stehen erneut textphilologische Kategorien im Zentrum, anhand derer herausgearbeitet werden soll, wie Feuchtwangers Moskau 1937 als „Antwort“ auf Gides Bericht konzipiert und gemacht ist.

Zur weiteren Kontextualisierung von Feuchtwangers Reisebericht im zeitgenössischen politischen wie  literarischen Diskurs der Sowjetunion werden darüber hinaus auch sowjetische Texte herangezogen, die 1937 in der „Literaturnaja Gazeta“ und „Prawda“ erschienen sind. Insbesondere die Analyse unter Berücksichtigung der sowjetischen Prätexte und Pressereaktionen lässt neue Erkenntnisse erwarten, die den bisherigen Forschungsstand zu Feuchtwangers Text erweitern. Auf der Grundlage einer eingehenden Textanalyse sowie der breiten Kontextualisierung soll die oftmals ausschließlich politische Lesart von Moskau 1937 um eine literarische erweitert und somit ein differenzierterer Blick auf Feuchtwangers Text ermöglicht werden.

Betreuungsteam:


Vita

Seit Oktober 2020
Doktorandin im Internationalen Graduiertenkolleg 1956 „Kulturtransfer und ‚kulturelle Identität‘ ‒ Deutsch-russische Kontakte im europäischen Kontext“, (ALU Freiburg/RGGU Moskau)

Publikationen

Saranina, Elena. Reisebericht oder Propaganda? Eine kritische Untersuchung der Entstehungsgeschichte von Lion Feuchtwangers Moskau 1937. In: Bexи – Milestones – Meilensteine. Literaturwissenschaft International: Freiburg – Moskau – St. Petersburg. 19. Symposium am Slavischen Seminar an der Universität Freiburg. Moskau, 2020. S. 17-22.

 

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